Von:
Susanne Niemeyer

e-samstag.de

Wenn am Samstag um 18 Uhr die Glocken läuten, beginnt der Sonntag.

Du bist gerade dabei, das Bad zu putzen oder das Auto zu reparieren oder die Wäsche zu sortieren. Jemand läutet. Ein Fremder steht vor der Tür. Das passt dir gar nicht, so viel ist noch zu tun, du willst ihn abwimmeln, doch du kommst nicht dazu. Sei mein Gast, sagt er, und tritt ein. Er nimmt dir den Putzlappen, den Schraubenschlüssel, den Wäschekorb aus der Hand und führt dich in ein Zimmer, das hell ist und licht. Der Tisch ist gedeckt, du siehst das weiße Leinen, dein bestes Besteck glänzt, Kerzen leuchten. Deine Liebsten sind da, Suppe dampft in der Schüssel, das Brot duftet nach Leben, Wein und Wasser warten in den Gläsern, alles ist bereit.

Leg ab, sagt der Fremde, du zögerst, aber dann tust du es doch, du entkleidest dich, streifst von dir die Sorgen der Woche, das Muss-ich-noch und Wollte-ich-doch, die nicht geführten Telefonate, die Steuererklärung und die ungeputzten Fenster, den Streit von gestern nachmittag, die E-Mails, die Klassenarbeiten der Kinder. Dein Arbeits-Ich legst du ab, dein Alletagekleid. Du lässt es liegen vor der Tür, was für ein Luxus, denkst du, jemand anderes wird sich darum kümmern.

Der Fremde nennt dich Adam, Eva, und du erinnerst dich: das ist dein erster Name. Komm herein, sagt er, du bist eingeladen. Du trittst über die Schwelle und es riecht nach Heimat, der Baum Freiheit und die Blume Geborgensein grüßen dich. Du setzt dich an den Tisch, du staunst: Alles ist da. Dir blüht das Leben.

Samstagabend, 18 Uhr. Jemand läutet. Läutet dich heim.